Die erste Wittener Tagung zur Hilfsmittelversorgung stand unter dem Motto "Medizinische Hilfsmittel: „Keiner weiß so recht, wer was wirklich braucht.“ Die Teilnehmer gingen das Forschungsdefizit an und erhielten einen Einblick in den aktuellen Stand sowie in mögliche Themen künftiger Hilfsmittelforschung.
Unfall – Krankheit – Alter: Jeder von uns kann von Heute auf Morgen auf Hilfsmittel angewiesen sein. Im Rahmen einer akuten medizinischen Behandlung oder nach einem Arbeitsunfall ist die Versorgung mit Hilfsmitteln vergleichsweise gut geregelt. Eine Gehhilfe zur Entlastung eines frisch operierten Fußes, eine Prothese oder ein Hörgerät sind schnell verordnet. Aber schon bei Inkontinenzhilfen, bei individuell angepassten Rollstühlen, bei Aufstehhilfen für Multiple-Sklerose-Kranke oder bei der Versorgung jugendlicher Behinderter gibt es immer wieder Auseinandersetzungen zwischen Kassen, Ärzten, Pflegenden und Patienten: „Das liegt daran, dass in solchen Fällen nicht immer klar ist, welche Hilfsmittel in welcher Ausführung wirklich notwendig sind“, erklärt Otto Inhester von der Universität Witten/Herdecke. Deshalb organisierte er eine Expertentagung zur Hilfsmittelversorgung.
Dort wurden die Notwendigkeit und Ansätze einer Forschung über die Hilfsmittelversorgung diskutiert. Immerhin geht es um über vier Milliarden Euro, die in Deutschland pro Jahr von den Gesetzlichen Krankenkassen ausgegeben werden. Das ist der viertgrößte Ausgabenposten. Zusammen mit den Ausgaben der Unfall- und Rentenversicherungen sowie der Privathaushalte werden über elf Milliarden Euro im Hilfsmittelsektor umgesetzt.
Dennoch gibt es für Deutschland keine aussagekräftigen Studien über die Wirksamkeit und den Nutzen von Hilfsmitteln. „Es ist so gut wie nichts darüber bekannt, in welchem Umfang Hilfsmittelbedürftige ausreichend und mit passenden Hilfsmitteln versorgt sind“, beklagt er die jetzige Lage. Niemand wisse wirklich gesichert, ob und wie Patienten die Hilfsmittel nutzen, ob sich ihre Lebensqualität verbessert, die Selbständigkeit gewahrt oder die Pflege erleichtert wird. „Es gibt keine systematische Evaluation über Nutzen und Wirksamkeit der Hilfsmittel. In der Masse beruht die Versorgung mit Hilfsmitteln auf individuellen Erfahrungen der Verordner und den Angaben von Herstellern. Weniger gründen sie auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und evidenzbasierten Entscheidungen. Denn dazu fehlen in Deutschland einfach die Daten“, erläutert Inhester.
Die 1. Wittener Tagung zur Hilfsmittelversorgung gab deshalb einen Einblick in den aktuellen Stand und in mögliche Themen zukünftiger Hilfsmittelforschung. Fachleute referierten z.B. über die Hilfsmittelversorgung bei heranwachsenden Menschen, über die Auswirkungen von Hilfsmitteln auf Menschen, die lebenslang auf solche angewiesen sind. Es wurde der Frage nachgegangen, wie die Versorgung mit orthopädischen Hilfsmitteln beurteilt und wie durch einen effektiven Hilfsmitteleinsatz die Mobilität und Selbstständigkeit in Pflegeeinrichtungen verbessert werden kann. Berichtet wurde auch über die ärgerlichen Schnittstellenprobleme in der Hilfsmittelversorgung aus der Sicht einer Hilfsmittelberaterin und am Beispiel der häuslichen Intensivpflege. Ein Vertreter des Bundesgesundheitsministeriums beschrieb die Erwartungen an die Hilfsmittelversorgung aus Sicht des Ministeriums.
In einem abschließenden Workshop wurde die Gründung einer nationalen Forschungsarbeitsgemeinschaft „Versorgungsforschung in der Hilfsmittelversorgung“ vorgeschlagen. Diese soll die Interessen und Aktivitäten von Forschenden zusammenfassen, einen Austausch über Themen und Methoden moderieren, gemeinsame Vorhaben initiieren und fundierte Leitlinien für die Hilfsmittelversorgung erarbeiten.
Programm und Vorträge der 1. Wittener Hilfsmitteltagung
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